Wandern – Hohlwege im Kraichgau

Hohlwege (Kraichgau) waren schon immer für einen Hinterhalt gut. In Schillers Drama „Wilhelm Tell“ erschießt Tell den Landvogt Geßler in einer Hohle („Durch diese hohle Gasse muß er kommen, …). Und in der Tiefelterhohle bei Zeutern im Kraichgau soll im Polnischen Erbfolgekrieg 1734 ein französischer Trupp eingeschlossen und so blindwütig niedergemetzelt worden sein, dass das Blut der Soldaten in Strömen die Hohle hinunterfloss.

Wandert man in der Dämmerung durch die Zeuterner Hohlwege, kann’s einem tatsächlich leicht mulmig werden. Hohe Wände, Enge und Zwielicht: Das beunruhigt – hat aber auch seinen Reiz. Unweigerlich fragt man sich, wie so etwas entstehen konnte. Nun, auffällig ist, dass es Hohlwege nur dort gibt, wo feinkörniger Löss oder Keupermergel meterhoch ansteht, z. B. am Kaiserstuhl, an der Bergstraße oder im Westen des Kraichgaus. Man findet sie vor allem an den steilen Abschnitten alter Feld- und Gemeindeverbindungswege, auf denen die Bauern einst mit Ochsen- und Pferdekarren lang zogen. Unter der Last der Gespanne verdichtete sich der Boden, während Wagenräder und Hufe die Bodenoberfläche zerbröselten. Regenwasser konnte nicht mehr eindringen, floss rasch oberflächlich ab und schwemmte den zermahlenen Oberboden hinweg. Ein häufig benutzter Lössweg konnte schon nach wenigen Jahrzehnten mehrere Meter tief ausgewaschen sein. Es war wohl ganz schön beschwerlich, durch solch steile und tiefe Hohlen zu ziehen. „Radbreche“, „Saurutsch“ oder „Kniebrech“, mit solchen Hohlwegnamen machten die geplagten Fuhrleute ihrem Ärger Luft.

Hohlwege sind nicht nur beeindruckende Kulturdenkmale sondern auch Biotope ganz besonderer Art – vor allem solche mit nackten Lösswänden wie die Rennweghohle bei Zeutern. Treten wir näher, erkennen wir rasch weshalb: Die Wände sind gespickt mit Brutröhren seltener Bienen und Wespen. An einem sonnigen Frühlingstag scharren Pelzbienen fleißig Lössstaub aus den Brutgängen, Mauerwespen tragen Futter für ihren Nachwuchs ein, und Goldwespen suchen in den Bohrgängen nach Mauerwespenlarven, auf denen sie ihre Eier ablegen können. Nur spezielle Blütenpflanzen schlagen hier Wurzeln: Feldbeifuss, Hungerblümchen, Rundblättrige Glockenblume. Auf den Hohlwegschultern stehen vereinzelt Bäume, von denen Baumpieper ihre Singflüge starten. An der Hohlwegkante sind ihre Wurzeln oft freigelegt: Ideale Unterschlupfe für Kleinsäuger. Manchmal entdeckt man am Fuße der Hohlwegwände ein großes Loch mit Erdaushub: Der Eingang zu einem Dachsbau.

So wie die Rennweghohle sahen früher viele Hohlwege im Kraichgau aus: U-förmig mit fast senkrechten, kahlen Wänden. Inzwischen sind, wie in der Tiefelterhohle, die Steilwände fast überall abgerutscht und die Sohlen asphaltiert. Auf den Schrägen wachsen Kräuter, Sträucher und Bäume. Den meisten Spaziergängern gefällt der Krautteppich mit dem Lianendschungel der Waldrebe und dem filigranen Blätterdach der Robinien weit besser als die Öde der Rennweghohle: Die seltenen und bedrohten Wildbienen und Wespen finden sich aber nur an den nackten Lösswänden ein.

Bei der Winzergenossenschaft in Zeutern können wir zu einer schönen Rundtour starten (5 km). Im Norden führt die Tiefelterhohle hinauf zu einem roten Steinkreuz. Von dort hat man einen schönen Blick über das Kraichgauer Hügelland. Wir folgen dem Asphaltweg nach Osten und erreichen nach einer rechtwinkligen Biegung das obere Ende der Rennweghohle. Hier tauchen wir ein in einen der beeindruckendsten Hohlwege des Kraichgaus. Nach gut 150 m führt im Norden ein schmaler Pfad zur Hohlwegschulter. Ein Abstecher zu dem oben liegenden Halbtrockenrasen ist vor allem im April und Mai zu empfehlen, wenn das Große Windröschen blüht (Pfad aber bitte nicht verlassen: Der Halbtrockenrasen steht ebenso wie die Rennweghohle unter Naturschutz). Nach weiteren 300 m wird die Hohle flacher und mündet schließlich in das Speitelsbachtal. Wir folgen dem Bachlauf nach Süden und erreichen nach 500 m ein Abzweig hoch zum Attackewäldchen. Von dort geht es durch die aufgefüllte Bunzelterhohl zum Ausgangspunkt zurück. Zeutern ist übrigens eines der ältesten und größten Weindörfer des Kraichgaus. Auf dem alten Friedhof befindet sich die St.-Martin-Kirche mit Wandmalereien aus dem gotischen Vorgängerbau und die „Ölberggruppe“, ein restaurierter Bildstock aus dem Jahre 1520.

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Ein Gedanke zu „Wandern – Hohlwege im Kraichgau

  1. Sebastian Römer

    Toller Artikel über die Kraichgauer Hohlwege.
    Entsprechende Fotos von Kraichgauer Hohlwegen habe ich gefunden unter

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