Erinnerung und Identität

Begibt man sich auf das glatte theoretische Parkett des Erinnerns, muss man sich auch unweigerlich mit Identität und Sinn auseinander setzen.
Denn wenn es um Erinnerungsprozesse geht, redet man auch von Sinnstiftung und Identitätsarbeit. Wer sich erinnert, versucht herauszufinden, wer er ist, und das gilt sowohl für das Individuum als auch für eine soziale Gruppe. Denn das individuelle Gedächtnis ist ein sozial hervorgebrachtes und ein in Auseinandersetzung mit den sozialen Bezügen sich stets veränderndes Gedächtnis. Erst die Zugehörigkeit zu verschiedenartigen und dauernd wechselnden Gruppen gibt unserem Gedächtnis seine kollektive Signatur. Jedes Individuum pflegt aber verschiedene Verbindungen und somit wiederum seine Individualität.
Man kann Jan Assmann insofern nicht zustimmen, wenn er davon ausgeht, dass man das kulturelle und das kommunikative Gedächtnis so streng trennen muss. Gegenwärtig vermischen sich eher beide Formen, da man nicht davon ausgehen darf, dass Kultur immer alt und mythisch sein muss. Es gibt zahlreiche neue junge Kulturen, die soziale Erinnerungsgemeinschaften geschaffen haben in den letzten Jahren oder Jahrzehnten. Wie schon oben erwähnt, sind Generationen ein gutes Beispiel dafür, speziell die von Florian Illies artifiziell geschaffene Generation Golf vereint viele kulturelle Wiedererkennungsmuster und kommunikative Erinnerungspotentiale, von der Autokultur bis zum Nutellabrot.
Besonders in der momentanen Medienwelt werden häufig traditionelle symbolische Inszenierungen mit lebendigen Erinnerungen aus Erfahrungen und Hörensagen (Kommunikation) gekoppelt. Schönes Beispiel bietet der 1998 erschienene Film „Schwarze Katze, weißer Kater“, „eine rasante Slapstickkomödie fern jeglicher zeitgeschichtlicher Bedeutung, die von der puren Lebenslust der Zigeuner erzählt.“ Einerseits werden kulturelle Riten und Bräuche der Zigeuner deutlich, der westliche Kapitalismus aber auch die zwischenmenschliche und naturwüchsige Kommunikation, die auf täglicher Interaktion basiert. Der Film vereint erfolgreich Skurrilität der Moderne mit serbischer Folkloristik.

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